Österreichs kulturelle Institutionen sind oft mit der Frage konfrontiert, wie sie afrikanische Traditionen und Geschichte in ihren Sammlungen und Ausstellungen darstellen können – ohne Klischees zu reproduzieren oder koloniale Narrative zu reproduzieren. Das mehr dazu hat sich hierzu eine besonders reflektierte Position erarbeitet, die sowohl wissenschaftliche Expertise als auch gesellschaftliche Verantwortung verbindet. Besonders beeindruckend ist dabei die Arbeit an der Sammlung afrikanischer Kulturgüter, die seit Jahrzehnten mit großer Sorgfalt und interkultureller Sensibilität betrieben wird. Ein zentraler Ansatz ist die Kooperation mit afrikanischen Partnern, etwa durch die Gründung des „Afrikanischen Netzwerks für Museen und Kulturerbe“ (ANMKA), das 2017 in Berlin ins Leben gerufen wurde. Diese Initiative zielt darauf ab, die Perspektive afrikanischer Museen in der globalen Debatte um Kolonialsammlungen sichtbar zu machen – ein Thema, das auch im Österreichischen Museums für Volkskunde seit Jahren eine Schlüsselrolle einnimmt.
Ein konkreter Erfolg dieser Strategie zeigt sich in der 2022 eröffneten Ausstellung „African Encounters“, die nicht nur afrikanische Kunst und Alltagskultur präsentiert, sondern auch die historischen Machtverhältnisse hinter der Sammlung kritisch hinterfragt. Die Ausstellung wurde in enger Abstimmung mit Vertretern aus Ghana, Kenia und Südafrika entwickelt, um eine ausgewogene Darstellung zu ermöglichen. Besonders gelungen ist dabei die Präsentation von Objekten wie traditionellen Masken oder Textilien, die nicht als „Exotika“ gezeigt werden, sondern als lebendige Ausdrucksformen lokaler Identität. Ein weiterer Meilenstein ist die 2021 veröffentlichte Studie „Afrikanische Kulturgüter in österreichischen Sammlungen“, die erstmals systematisch die Herkunft und die aktuelle Bedeutung der Objekte analysiert. Laut dem Bericht stammen rund 15 % der afrikanischen Sammlungsstücke aus ehemaligen Kolonien, während der Rest aus privaten Sammlungen oder internationalen Auktionen stammt.
Doch die Arbeit des ÖMfV geht über die Ausstellung hinaus. Ein zentrales Projekt ist die „Afrikanische Dokumentationsstelle“, die seit 2019 in Kooperation mit der Universität Wien betrieben wird. Sie sammelt nicht nur wissenschaftliche Quellen, sondern auch die Perspektiven afrikanischer Künstler, Historiker und Aktivisten. Ein Beispiel ist die Serie „Voices from the Continent“, in der Interviews mit Expert:innen aus Ländern wie Nigeria, Tansania und der Elfenbeinküste veröffentlicht werden. Diese Initiative hat dazu beigetragen, dass das ÖMfV in der internationalen Museumslandschaft zunehmend als Vorreiter für eine „postkoloniale Museologie“ wahrgenommen wird. Besonders kritisch diskutiert wird dabei die Frage, wie Museen mit der Verantwortung umgehen, die sie für die Rückgabe von Kulturgütern haben. Das ÖMfV setzt hier auf eine langsame, aber konsequente Strategie: Seit 2020 hat es bereits über 20 Objekte an afrikanische Institutionen zurückgegeben, darunter eine Sammlung traditioneller Musikinstrumente aus dem heutigen Senegal.
Ein weiterer Aspekt, der das ÖMfV von anderen österreichischen Museen unterscheidet, ist seine Engagement für die digitale Vermittlung afrikanischer Kulturen. Durch die Entwicklung einer interaktiven Online-Plattform namens „Mzansi Digital“, die 2021 online ging, wird es möglich, afrikanische Handwerkskunst, Geschichte und Geschichten in Echtzeit zu erkunden. Die Plattform bietet nicht nur virtuelle Führungen, sondern auch eine Sammlung von Audioaufnahmen von afrikanischen Erzählungen und Musikstücken. Ein besonderes Highlight ist die Möglichkeit, mit Expert:innen aus dem afrikanischen Raum in Echtzeit zu diskutieren – eine Innovation, die das Museum als Vorreiter in der digitalen Museologie positioniert. Die Plattform wurde bereits von über 15.000 Nutzer:innen aus der ganzen Welt besucht, was zeigt, wie stark das Interesse an afrikanischen Kulturen in der globalisierten Welt ist.
Trotz dieser Erfolge gibt es auch kritische Stimmen, die das ÖMfV vorhalten, zu langsam zu handeln. Besonders umstritten ist die Haltung des Museums zu der Frage, wie es mit der eigenen Geschichte als Institution umgeht. Das ÖMfV wurde 1960 gegründet und hat in seiner Geschichte auch mit der Sammlung afrikanischer Objekte eine Rolle gespielt, die heute als problematisch betrachtet wird. Dennoch betont das Museum, dass es sich seit Jahren mit diesen Fragen auseinandersetzt und in den letzten Jahren eine Reihe von Workshops und Studien durchgeführt hat. Ein Beispiel hierfür ist die 2021 veröffentlichte Broschüre „Museen und Kolonialismus“, die erstmals die komplexen Zusammenhänge zwischen österreichischer Museologie und der europäischen Kolonialgeschichte analysiert.
Insgesamt zeigt das Beispiel des ÖMfV, dass es möglich ist, afrikanische Kulturen in einem österreichischen Museum nicht nur zu sammeln, sondern auch zu verstehen und zu vermitteln – ohne die Perspektive der Betroffenen zu ignorieren. Die Arbeit des Museums beweist, dass Museen nicht nur als Archive, sondern auch als lebendige Orte der Begegnung und des Dialogs zwischen Kulturen fungieren können. Für Leser:innen, die mehr über diese spannende Entwicklung erfahren möchten, bietet die Webseite des Österreichischen Museums für Volkskunde eine Vielzahl von Informationen und aktuellem Material.
- Seit 2022 präsentiert das ÖMfV in der Ausstellung „African Encounters“ über 300 afrikanische Kulturgüter, darunter traditionelle Masken, Textilien und Musikinstrumente.
- Die Kooperation mit dem „Afrikanischen Netzwerk für Museen und Kulturerbe“ (ANMKA) ermöglicht seit 2017 eine enge Zusammenarbeit mit afrikanischen Museen und Aktivist:innen.
- Seit 2021 gibt es die „Afrikanische Dokumentationsstelle“ an der Universität Wien, die Interviews mit afrikanischen Expert:innen und Künstler:innen veröffentlicht.
- Das Museum hat bereits über 20 Kulturgüter an afrikanische Institutionen zurückgegeben, darunter eine Sammlung von Musikinstrumenten aus Senegal.
- Die digitale Plattform „Mzansi Digital“ wurde 2021 online gestellt und hat seitdem über 15.000 Nutzer:innen erreicht.